Neue Bahnstrecke bei Reppenstedt? DB stellt mögliche Ausweichtrasse vor

Wirtschaft Von Extern | am Mi., 17.02.2021 - 15:44

LÜNEBURG / REPPENSTEDT. Deutlich erstaunt reagierten die Verwaltungsspitzen von Hansestadt und Landkreis Lüneburg auf die jüngste Gläserne Werkstatt der Deutschen Bahn zu Trassenplanungen im Bahndreieck Hamburg-Bremen-Hannover. So präsentierten die Planer am Dienstag  zum einen detaillierter die möglichen Folgen eines Ausbaus der Bestandsstrecke für den Lüneburg Bahnhof. Kurz gesagt, der Bahnhof müsste quasi komplett verlegt werden, so wie es für Winsen/Luhe und Uelzen schon in früheren Untersuchungen dargestellt wurde. Zum anderen skizzierten die Planer eine Alternativroute, um die Bahnhöfe von Lüneburg bis Uelzen westlich zu umfahren, diese führten sie im Landkreis Lüneburg von Radbruch, vorbei an Vögelsen, hindurch zwischen Reppenstedt und Lüneburg, an Embsen vorbei weiter Richtung Süden.

Landrat Jens Böther sagte im Anschluss: „Wenn die Planer damit nur einmal darstellen wollen, was nicht geht, dann ist Ihnen das gelungen. Ansonsten kann ich den Vorschlag beim besten Willen nicht ernst nehmen.“ Die in der Runde beschriebene Strecke würde zwischen Lüneburg und Reppenstedt hindurchführen, dicht vorbei an neu entstehenden Wohnvierteln, durch Naherholungsgebiete und durch den Grüngürtel westlich um Lüneburg herum. „Da ist doch kein Platz für eine Bahnstrecke! Es ist doch jetzt mehr als klar, dass es nicht mehr um einen Bestandsausbau, sondern um eine Neubaustrecke geht“, so Böther. Auch eine Führung weiter westlich – ob zwischen Lüneburg und Reppenstedt oder mitten durch die Samtgemeinde Gellersen – würde gewachsene Siedlungsstrukturen zerschneiden und erhebliche Naturbelange berühren, dieser Bereich war daher im heute dargestellten Suchraum schon gar nicht enthalten.

Oberbürgermeister Ulrich Mädge ist es leid, dass immerzu Zeit vertan wird, um angeblich mögliche Trassen auf Herz und Nieren zu prüfen, denen die Nicht-Machbarkeit mit wachem Blick schon früh anzusehen ist. „Wir haben die ursprünglichen Ideen, die Bestandsstrecke auszubauen, mit viel Aufwand als zu teuer und zu ineffektiv dargestellt. Jetzt klopfen wir die Vieregg-Rössler-Varianten ab, um festzustellen, dass diese nicht nur Milliarden kosten würden und unwirtschaftlich sind, sondern auch eine Verlegung des ZOB und des Bahnhofsgebäudes bedeutet, von Auswirkungen auf bahnhofsnahe Wohnviertel und Gewerbebetriebe ganz zu schweigen. Solche Possen mögen in die Karnevalszeit passen – aber ich wünsche mir, dass wir uns endlich realistischen Trassen zuwenden, wie einer Neubaustrecke für den Güterverkehr entlang der A 7.“

Der CDU-Bundestagsabgeordnete für Lüchow-Dannenberg und Lüneburg, Eckhard Pols, sieht die Pläne der Bahn ebenfalls kritisch

Der CDU-Bundestagsabgeordnete für Lüchow-Dannenberg und Lüneburg, Eckhard Pols, kritisiert die Pläne der Deutschen Bahn (DB) AG für einen Ausbau der Bahnstrecke durch die Hansestadt Lüneburg bzw. für die enge Umfahrung der Stadt als „inakzeptabel“. 

Dazu erklärt der Bundestagsabgeordnete Eckhard Pols: "Die Planungen der Deutschen Bahn zeigen in aller Deutlichkeit, dass sowohl ein Ausbau der Bestandsstrecke quer durch die historische Hansestadt Lüneburg als auch die bestandsnahe Umfahrung Lüneburgs mit gravierenden Eingriffen in das Leben der Menschen, in das Stadtbild und in die Natur verbunden sind. Damit sind weder die eine noch die andere Variante zumutbar.

Umso wichtiger ist es, dass die Region jetzt endlich eine klare einheitliche Position zum Bahnprojekt einnimmt. Wir sitzen alle im gleichen Boot! Der Landkreis Lüneburg ist zu dicht besiedelt, als dass hier eine Bahntrasse ausgebaut oder gar neugebaut werden könnte.

In diesem Zusammenhang müssen sich die Grünen ehrlich machen und bekennen. Sie müssen sagen, ob sie immer noch für den Bestandsstreckenausbau bzw. die enge Umfahrung Lüneburgs sind. Die Zeit des Wegduckens und der Märchenerzählerei ist endgültig vorbei – es geht um ganz praktische Politik, in deren Mittelpunkt das Wohl der Bürgerinnen und Bürger zu stehen hat. Sollte es zu einem Ausbau der Bestandsstrecke kommen, wird der Bahnhof abgerissen und neugebaut, der ZOB verlegt. Kurze Wege sind dann vorbei. Hinzu kämen vor allem noch die Mehrbelastungen für Wohngebiete. Der Stadtkern würde sich sichtbar verändern, der jahrelange Umbau den Charakter der Stadt indes massiv beeinträchtigen.

Auch die Umfahrung der Hansestadt Lüneburg ist eine Zumutung, für Mensch und Natur gleichermaßen. Wir reden hier faktisch über eine Neubautrasse, die von Radbruch westlich von Lüneburg durch den Grüngürtel führt. Wo sind die Grünen, die sich bisher so sehr für den Erhalt des Grüngürtels eingesetzt haben? Was ist deren Position? Sowohl die Trassenplanungen der Bahn als auch das Abtauchen der Grünen sind abenteuerlich und unverantwortlich!

Ich bekräftige meine Überzeugung, dass eine Bahnstrecke entlang der A 7 die beste Variante wäre – und zwar für Mensch und Natur. Ich fordere die Bahn eindringlich auf, nun endlich ernsthaft die A 7-Variante in ihre Überlegungen einzubeziehen.“

Auch die Grünen stimmen zu, dass die Planungsvariante der Deutschen Bahn nicht sinnvoll ist

Auch Detlev Schulz-Hendel, Landtagsabgeordneter der Grünen, weist die vorgelegte Planungsvariante der Deutschen Bahn als weder machbar noch sinnvoll zurück: "Dieser Vorschlag ist nicht umsetzbar und bindet Zeit und Arbeitskraft die bei der DB für sinnvolle Planungen für das Schienennetz hätten genutzt werden können.  Es muss  doch nun endlich mal darum gehen, einen dreigleisigen Bestandsausbau auf den Weg zu bringen und die entsprechenden Variantenprüfungen zum Abschluss zu bringen. Von Maschen bis Lüneburg 3 plus, das heißt viergleisig dort wo es möglich ist, ansonsten Dreigleisigkeit. Im Bereich Lüneburg Ausbau und Optimierung des Knotens, zum Beispiel die Nutzbarkeit aller Gleise für eine Befahrung aus Richtung Hamburg und Richtung Hannover herzustellen."

Sein Lüneburger Parteikollege und Fraktionsvorsitzender im Stadtrat Ulrich Blanck ergänzt: „Hier zeigt sich wie wichtig es gewesen wäre den vom Rat der Stadt Lüneburg 2014 beschlossenen Grüngürtel West planungsrechtlich durch Landschaftsschutz abzusichern. Aber gerade dafür hat sich Herr Mädge nicht eingesetzt sondern munter mit seinen Planungen zum Digital Campus erst das Fenster geöffnet für solche Überlegungen der DB.“

Landtagsabgeordnete Andrea Schröder-Ehlers nennt die vorgestellte Ausbauvariante "absurd"

„Ich bin wirklich entsetzt über die vorgestellte Variante. Die Bahn meint allen Ernstes, dass eine Trasse von Radbruch über Vögelsen und dann zwischen Lüneburg und Reppenstedt quer durch den Grüngürtel-West möglich sei. Das ist auch raumplanerisch absurd. Es wurden nicht mal die aktuellen Beschlüsse für Baugebiete von Lüneburg und Reppenstedt berücksichtigt. Wenn der Bund entgegen des Beschlusses zum Bundesverkehrswegeplan eine Neubaustrecke plant, dann ist ein Raumordnungsverfahren nötig, dass auch die alte Y-Trasse wieder aufgreifen muss.

Es kann doch nicht sein, dass jetzt jahrelang immer neue Trassenvorschläge wie Kaninchen aus dem Hut gezaubert werden. Es braucht ein ordentliches Verfahren. Gläserne Werkstätten können ein Raumordnungsverfahrens nicht ersetzen.“

Was die Planer genau in ihrer jüngsten Informationsveranstaltung vorgestellt haben, ist nachzuverfolgen auf https://www.hamburg-bremen-hannover.de/files/pdf/faktencheck/Praesentation_3_Glaeserne_Werkstatt_zu_Vieregg_Roessler_Konzeptionen.pdf

Hansestadt und Landkreis hatten in der Vergangenheit bereits mehrfach praxisnahe Lösungen in der Diskussion um die Strecke Hamburg-Hannover angemahnt. Beide lehnen den Ausbau der Bestandsstrecke wie auch eine stadtnahe Umgehungsstrecke ab, da sie kaum Zeitgewinn brächten, dafür mit aufwendigen technischen Lösungen und Eingriffen verbunden wären. Sie fordern stattdessen, die Bestandsstrecke im Kleinen so zu ertüchtigen, dass zeitnah zusätzliche Kapazitäten für Pendel- und Fernverkehr entstehen können; der steigende Güterverkehr soll auf einer Neubaustrecke entlang der A 7 geführt werden. Der Landkreis Lüneburg fordert hier die fachlich fundierte Prüfung einer alternativen Linienführung mit zwei Gleisen. Dazu sei ein Raumordnungsverfahren unerlässlich. Dies hatten auch Kreistag (Dezember 2018) und Rat der Hansestadt (Juni 2016) in einem Positionspapier sehr deutlich gemacht.

Hintergrund:

Die Schiene muss gestärkt werden, vor allem auch für Pendler. Die Kapazitäten auf der Strecke Hamburg-Hannover, einer der meistbefahrenen Strecken in Deutschland, müssen ausgebaut werden. Soweit besteht noch breite Einigkeit in der seit 1992 währenden Diskussion um Y-Trasse, Alpha-E und Alternativen. Nur: Welche Lösung gut und tatsächlich vor Ort machbar ist, darüber ringen Deutsche Bahn, Politik in Bund, Land und Kommunen sowie Projektbeirat und Anrainer der verschiedenen Strecken.