Philologenverband: Kultusministerium hat Unterrichtsversorgung weiter nicht im Griff

Kultur + Gesellschaft Von Redaktion | am Di., 22.01.2019 - 13:52

HANNOVER. Deutliche Kritik an einer erneut verkürzten und damit unzutreffenden Darstellung der Unterrichtsversorgung der Gymnasien durch Kultusminister Tonne übt der Philologenverband Niedersachsen (LOKALHEUTE berichtete). „Wieder einmal erweckt Minister Tonne mit den von ihm vorgelegten Zahlen den Eindruck, dass an den Gymnasien mit einer durchschnittlichen Versorgung von 102,2 Prozent die Welt in Ordnung ist. Doch die angeführte Zahl ist ein rein statistischer Wert, der wenig über die tatsächliche Erteilung des Unterrichts an den einzelnen Gymnasien aussagt und auch das fachspezifische Fehl vieler Schulen nicht berücksichtigt“, stellt Verbandsvorsitzender Horst Audritz klar. Bei mittlerweile neun gymnasialen Mangelfächern könne von einer guten Unterrichts- und Lehrerversorgung überhaupt nicht die Rede.

Seit Jahren berechne das Kultusministerium die Zahlen zur Unterrichtsversorgung auf völlig unterschiedlicher Grundlage. Die statistische Unterrichtsversorgung sei zwischen den Schulformen daher überhaupt nicht vergleichbar, da beispielsweise das Gymnasium allein zur Erteilung des Pflichtunterrichts eine wesentlich höhere statistische Unterrichtsversorgung benötige als andere Schulformen, was das Kultusministerium selbst wiederholt einräumen musste. „Der in Wirklichkeit desaströs hohe Unterrichtsausfall wird dadurch nach wie vor verschleiert. Dies gilt auch für die fächerspezifische Unterrichtsversorgung. Betrachtet man allein an unseren Gymnasien die Lücken bei der Versorgung in Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern, werden die Probleme sofort deutlich“, bilanziert Audritz.

Auch der Eindruck, dass die höhere Zahl von Neueinstellungen zu einer besseren Versorgung an den Schulen geführt habe, sei irreführend. Die neu eingestellten Lehrer seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es fehle dem Ministerium weiterhin an zukunftsweisenden Konzepten. Dies werde nach wie vor an der unhaltbaren Abordnungspraxis deutlich, die nicht wie zugesagt reduziert, sondern im Gegenteil immer umfangreicher werde. „Vor einem Jahr hat der Minister öffentlich versprochen, er wolle‚ die
Lehrerkarawanen durch Niedersachsen sehr zügig stoppen‘. Doch dieses Versprechen hat er nicht gehalten.“ Die weiter zunehmenden Abordnungen belasteten die Schulen und Lehrkräfte in großem Maße. „Hier muss das Kultusministerium endlich Lösungen präsentieren, leere Versprechungen allein genügen nicht“, unterstreicht Audritz.

Die von Tonne jetzt veröffentlichten Zahlen berücksichtigen zudem überhaupt nicht, dass der Unterricht an vielen Gymnasien schon jetzt nur deshalb noch halbwegs erteilt werden könne, weil die Gymnasiallehrer Tausende von Überstunden leisteten – ein unhaltbarer Zustand, vor dem der Minister bewusst die Augen verschließe. Auch hier verweigere das Kultusministerium seit Jahren eine flächendeckende Erhebung der von den Gymnasiallehrkräften erteilten zahllosen Überstunden, obwohl bekannt sei, dass hier eine Zeitbombe ticke. „Dieser nach wie vor lapidare Umgang mit der Unterrichtsversorgung geschieht wohlwissend, da sonst öffentlich würde, in welch hoher Zahl Lehrkräfte an den Gymnasien tatsächlich fehlen", folgert Audritz.

„Wir haben nun häufig genug die selbstkritischen Hinweise des Kultusministers auf die noch nicht zufriedenstellende Situation bei der Versorgung der Schulen gehört. Optimismus ersetzt aber keine Konzepte. Wir haben wiederholt konstruktive Vorschläge zur Verbesserung der Unterrichtsversorgung unterbreitet, die leicht umsetzbar sind. Der Kultusminister muss endlich handeln", so Audritz abschließend.